Detailaufnahme einer Bleiverglasung – Bleiruten und Glasfelder
Detailaufnahme einer Bleiverglasung: Die H-förmigen Bleiruten halten die einzelnen Glasfelder zusammen.

Materialien und Aufbau

Bleiruten

Bleiruten haben ein H-förmiges Querschnittsprofil, dessen Steg (Rücken) und zwei Flügel (Stege) die Glasscheiben beidseitig einfassen. Typische Profilbreiten liegen zwischen 4 und 25 mm; je nach Fenstergröße und Epoche werden schmalere oder breitere Profile verwendet. Historische Bleiruten wurden von Hand ausgerollt und sind oft unregelmäßig; moderne Bleiruten werden maschinell aus Bleilegierungen (Reiblei oder Blei-Antimon) hergestellt.

Blei oxidiert im Laufe der Zeit und bildet eine graue Oxidschicht (Bleikarbonat, Cerussit), die das Metall vor weiterem Angriff schützt, aber spröde werden lässt. Nach 80–120 Jahren müssen Bleiruten in der Regel erneuert werden.

Kittmasse

Die Zwischenräume zwischen Bleiruten und Glas werden mit einer Kittmasse abgedichtet – traditionell aus Kreide, Leinöl und Pigmenten. Der Kitt dichtet das Fenster gegen Feuchtigkeit und Zugluft ab und stabilisiert das Bleigeflecht. Mit der Zeit verhärtet und schwindet Kitt; rissige oder fehlende Kittfugen sind häufige Schadensursachen.

Glastypen in der Bleiverglasung

  • Antikglas: Mundgeblasenes oder maschinengeblasenes Flachglas mit leichten Unregelmäßigkeiten und Einschlüssen; typisch für historische Kirchenfenster ab dem 12. Jahrhundert.
  • Kathedralglas: Gegossenes einfarbiges Strukturglas mit matter, leicht gekörnter Oberfläche; beliebt im Historismus und Jugendstil.
  • Antikglas mit Überfang: Zwei-Schichten-Glas aus farblosem Kernglas und farbiger Überfangschicht; ermöglicht Radierung (Abätzen der Farbschicht) für differenzierte Malerei.
  • Ornamentglas: Strukturiertes Klarglas oder Farbglas mit eingewalzten Mustern (Riffel, Wabe, Eisblume); häufig in Wohnhäusern des 19./20. Jahrhunderts.
  • Echtantikglas: Durch Schmelzen und Blasen hergestelltes Glas mit natürlichen Blasen und Streifen; Reproduktion historischer Techniken.

Herstellungsprozess

Der traditionelle Herstellungsprozess einer Bleiverglasung umfasst folgende Schritte:

  1. Entwurf und Karton: Ein maßstabsgerechter Entwurf (Karton) wird angefertigt, der Linien und Farben der geplanten Verglasung zeigt. Bei Kirchenfenstern entstanden diese Entwürfe in Glasmalerwerkstätten oder durch Architekten.
  2. Schneiden: Die Glasscheiben werden entlang der Karton-Linien geschnitten. Historisch verwendete man Diamant oder gehärteten Stahl; heute werden Glasschneider mit Wolframkarbid-Rädern verwendet.
  3. Bemalen (optional): Glasmalfarben – feuerfeste Oxide, die bei 600–700 °C eingebrannt werden – können Konturen, Schattierungen und Gesichtszüge auf das Glas auftragen.
  4. Verbleiung: Auf einem Arbeitstisch werden die Glasstücke mit Bleiruten zusammengesetzt und die Ruten an den Kreuzungspunkten verlötet (Weichlot, Sn/Pb 60/40).
  5. Kitten: Kittmasse wird unter die Bleiruten gearbeitet und überschüssiger Kitt mit Sägemehl und Bürste abgerieben.
  6. Einbau: Das fertige Glasgemälde wird in einen Stahlrahmen oder Steinfalz eingesetzt und mit Verglaserkit oder elastischen Dichtstoffen befestigt.

Typische Schadensbilder

Verformung des Bleigeflechts

Windlast, ungleichmäßige Temperaturschwankungen und das Eigengewicht der Verglasung können das Bleigeflecht verformen (Beulen, Wellen). Bei starker Verformung besteht Bruchgefahr; Sturmsprosse oder Stützstäbe können das Fenster temporär sichern.

Gesprungene Glasscheiben

Glasbruch entsteht durch mechanische Einwirkung (Vandalisierung, Steinschlag), Temperaturschocks (Eisblumeneffekt bei Undichtheit) oder fehlerhafte Montage. Einzelne gesprungene Scheiben können durch einen Glaser ausgetauscht werden, ohne das gesamte Fenster auflösen zu müssen.

Oxidation der Bleiruten

Starke Oxidation macht Bleiruten bröckelig und instabil. Sichtbares Zeichen: weißliche Ablagerungen auf den Ruten. Wenn mehr als 20–30 % der Ruten betroffen sind, ist eine vollständige Neuverbleiung wirtschaftlich sinnvoller als partielle Reparaturen.

Kittproblem

Verhärteter oder fehlender Kitt lässt Bleiruten klappern, ermöglicht Wassereintritt und gefährdet die statische Stabilität. Nachkitten ist möglich, sofern die Bleiruten noch intakt sind.

Ornamentglas-Fenster der Stiftskirche St. Juliana in Mosbach, Baden-Württemberg
Ornamentglas-Fenster der Stiftskirche St. Juliana, Mosbach (Baden-Württemberg) – einfache Kathedralglas-Verglasung mit Bleistegen aus dem frühen 20. Jahrhundert